hommages

"Ich habe von einer Frau geträumt, die hatte drei Augen. Zwei sahen mich an. Mit dem dritten war sie woanders"*

 

Eine schwarz-weiss gefleckte Katze streift in der Dämmerung auf leisen Pfoten durch einen verwarlosten Hinterhof. Bruchstücke herabgefallener Dachziegel liegen auf dem Erdboden, verwitterte Mauerreste, Teile eines vom Rost zerfressenen Leitungsrohres, abgeblätterter Mauerputz, vom Wind in eine Ecke getragenene Zeitungsfetzen, ein liegengebliebenes Stück Holz. Mit Marmorpapier beklebt. Im Halbdunkel des Hintergrundes ein offener Treppenaufgang, eine scheinbar unbenutzte Stiege zu einem unbewohnten Haus. Ein vergessener Flur. Eine unverschlossene Türe zu einer verlassenen Küche. Ein umgekippter Stuhl, ein nicht abgeräumter Tisch, zwei leere Gläser, ein Löffel, eine Gabel. Ein zugewachsener Hinterhof in einer unbekannten Stadt. Die Bilder einer verschwundenen Strasse. Das Lärmen der Kinder im Hof. Der Essensgeruch an Sommertagen aus offenen Küchenfenstern. Ein Streit, der nach aussen dringt. Lautes Lachen. Tanzmusik aus einem Radio.

Wann mag sie unterwegs gewesen sein, die Katze auf ihren heimlichen Streifzügen? Was hat sie wohl gelockt und was entdeckt auf ihren unwegsamen Pfaden? Ertastend, erkundend. Wer mag es gemacht haben, dieses Foto einer streunenden Katze? Ein einzelner, verblichener Abzug auf dünnem Papier. Zwischen verklungenen Tanzpolonnaisen, vergangenen Kindergeburtstagen, längst vergessenen Erstkommunionen, silbernen Hochzeiten. Auf einem Flohmarkt in alten, vom Regen spröde gewordenen, geflochtenen Wäschekörben.

Verwaiste Trohne, Hochsitzen ähnlich. Himmelsleitern gleich. Kirchenportale über mächtigen Freitreppen schwebend ohne Menschen davor und Kathedralskuppeln, auf dem Kopf stehend wie leere Gefässe. Die Erinnerung an ein gläsernes Haus auf Spinnenbeinen. Vom Herbst entlaubte Hände, die wie Baumkronen in die Höhe wachsen. Mondgesichter, die sich in durchscheinende Totenmasken Verstorbener verwandeln. Gespenstische Szenen von geisterhaft erscheinenden Kindern, die uns wortlos anschauen. Entrückte Frauengestalten in langen Gewändern mit Frisuren, die an Äbtissinenhauben erinnern. Ein Kind in einem sommerroten Kleid, mit Stroh zugedeckt in einem Stall von verwunschenen Wesen. Menschen in Tiergestalt. Bäume in Menschengestalt, nach dem Himmel greifend. Winzige Figuren, auf einem Tisch treibend wie Schiffbrüchige, die zu uns herüberwinken. Das Porträt einer jungen Frau mit lauter feinen, versteckten Antlitzen im Haar. Und immer wieder Gesichter, die aus Gesichtern wachsen. Wie Pupillen in einer Iris. Das Mädchen mit den drei Augen. Askaban. Auf den Zeichentischen Einmachgläser mit Teerfarbe und Pigmenten. Zwischen aufgeschlagenen Büchern und alten Zeitschriften. Verworfene und noch versprochene Blätter an den von den Jahren schiefgewordenen, holzverkleideten Wänden. Ein fliederfarbenes Sofa. Der Blick in einen Garten. Ein hellblauer Stuhl.

Erahnte Bilder aus einer Welt hinter dem für uns Sichtbaren. Stille Aufzeichnungen von Begegnungen jenseits des Fassbaren. Reiseberichte aus rätselhaften Tiefen. Hinterpapier-zeichnungen, die schattenhaft zu uns auftauchen. Zart festgehaltene Momente, scheinbar schwerelos und zeitlos zwischen Vergangenem und Zukünftigem verharrend. Inga nimmt uns mit auf ihre nächtlichen Streifzüge. Auf wundersame Wanderschaften in eine zerbrechliche und verloren geglaubte Welt.

 

* aus Rudolf Bussmann: Das 25-Stundenbuch, Waldgut Verlag 2006, Frauenfeld

 

 

 

 

 

Agnes im Wunderland

zu Agnes Fischers Arbeiten

 

Wo Agnes ist, da möchten wir auch sein. In ihren Himmel möchten alle kommen. Wo uns nichts wachsen will, da pflanzt sie Trauerweiden. Für Kälber und andere Wiederkäuer. Sündenböcke schmückt sie mit fremden Federn und fährt mit ihnen Alpaufzug. Am Tage erforscht sie stillgelegte Gebetsmühlen und erkundet stehengebliebene Uhrwerke. Nachts schraubt sie an Zeitmaschinen, mit denen man ins Jetzt und Hier reisen kann. Führt Völkerwanderungen auf Holzwegen ins Pfefferland. Verschenkt Kaffeefahrten zu den Nachtmenschen und erzählt Ohrensesseln Bettgeschichten. Liebesbriefen macht sie kalte Umschläge und schickt sie geheilt zurück. Mal sucht sie nach vergessen geglaubten Rezepten für alte Zöpfe, dann wieder brockt sie eine Woche lang nur Suppen ein. Ewiggestrigen liest sie die Gegenwart aus den Händen und verteilt Kindern Knoblauch gegen den Zeitgeist. Berühmt ist ihre Sammlung von Büchern mit Eselsohren. Dabei ist sie auch Hintergedankenleserin, Wiedergeburtshelferin, Schlaraffen-forscherin, Lumpenhundesammlerin und Warteschlangen-beschwörerin. Unschuldsengel hat sie selbst gesehen. Hat Maulkörbe für Beisszangen geflochten. Und hilft der Zeit beim Wundenheilen. Mäusen predigt sie Wasser und Katzen Wein. Nie hat man sie ein Rad schlagen sehen. Lieber schiesst sie mit Schneekanonen auf Sommerlöcher. Oder klettert auf Purzelbäume. Schreibt Geigenkonzerte für Landstreicher und Fanfaren für Bläser, die aus dem letzten Loch pfeifen. Hält Ausreden auf Bierkisten in Parks und schläft mit Freunden unter Eselsbrücken. Sehende führt sie über die Strasse. Stellt Wegweisern Werweiser in den Weg und Werweisern Wegweiser. Und macht dann selbst um Wege lieber Umwege. Auch sagt man, sie male im versteckten an einem kolossalen Unsittengemälde. Ihr kann es gelingen. Wo Agnes spazieren geht, da fallen wir alle auf unsere Nasen.

 

Auf Ingas Pfaden

zu Inga Häusermanns Arbeiten hinter Papier